Dienstag, 5. Juli 2011

Rezension: Kassettendeck

Dieses wunderhübsche Buch habe ich im Rahmen einer Leserunde auf lovelybooks ergattern können. Leider konnte ich bei der Leserunde selber wenig beitragen, dieses Buch bewertet man besser am Stück als Häppchenweise. Dennoch eine tolle Erfahrung.

Außerdem ist dieses Schmuckstück im Eichbornverlag erschienen und somit die erste "Rezension für Eichborn"

Informationen zum Buch:
Titel: Kassettendeck
Autor: Jan Drees und Christian  Vorbau
Seiten: 253 Seiten (broschiert)
Verlag: Eichborn (März 2011)
ISBN 10: 9783821866147
ISBN 13: 978-3821866147

Rezension:
Die Musikkassette prägt  wie kaum etwas anderes die musikalische und soziale Entwicklung der Jugend bevor die CD sich durchsetzte. Sie war günstig zu erwerben, mehrfach und vor allem von fast jedem bespielbar. Egal, ob Musik aus dem Radio aufgenommen oder von CDs überspielt wurde, egal, ob man Alben einfach kopierte oder Mixtapes für besondere Menschen mit viel Mühe zusammen stellte: Man verbachte Zeit mit der Musikkassette, konnte sie doch nur in Echtzeit bespielt und nicht mit einem Mausklick gefüllt werden. 

Dieser Zeit, diesem Gefühl, diesem Medium setzen die Autoren ein Denkmal. Dieses Buch ist ein Kunstwerk, sozusagen ein eigenes, liebevoll zusammen gestelltes Mixtape für die Kassette und diejenigen, die sie geliebt und gelebt haben.
So schön das Buch ist, so viel Zeit sollte man sich auch für die Lektüre nehmen, denn hier reihen sich nicht nur technische und historische Fakten und jede Menge musikalisches Fachwissen aneinander, sondern auch Schicksale, Geschichten, Erlebnisse und sogar eine Kurzgeschichte. Und das alles braucht Aufmerksamkeit und verlangt Zeit.
Kein schneller Roman, den man herunter liest, ohne dass viel hängen bleibt, sondern ein Buch, dem man sich wirklich stellen muss. Ganz so, wie man sich mit einer Musikkassette Zeit nehmen musste, mit einer CD nicht unbedingt.

Die komplexe, wissenschaftliche Herangehensweise, die streckenweise hier an den Tag gelegt wird, führt aber auch dazu, dass man nicht alles versteht, was geschrieben wird. Doch selbst dafür liefert das Buch selbst eine Lösung. So steht auf Seite 165 als Zitat von Friedhelm Rathjen: „ Also ich habe den Ulysses relativ früh gelesen, und seitdem weiß ich, man kann auch mit Freude ein Buch lesen, ohne es zu verstehen. Zumindest ohne alles zu verstehen.“
Generell vermittelt dieses so liebevoll gestaltete Buch mit seinen wunderbaren Zeichnungen, mit den ganzen zusammen gestellten Mixtapes mit den Interviews und Fragen an Personen und Persönlichkeiten vor allem eines: Die Faszination Kassette und die Liebe zur Musik.

Schade ist es, dass die „3 Fragen an“ so sehr unterschiedlich gestellt wurden. Da geht es bei einigen Befragten um wissenschaftliche Betrachtungsweisen, bei anderen lediglich darum, ob und welche Kassetten sie besessen haben. Diese ungleiche Tiefe finde ich etwas schade, sie gewichtet die Beziehung zur Musikkassette, die die Befragten haben oder haben sollen zu stark.
Gut wieder finde ich, dass, nachdem so stark auf den Text „Kassettenmädchen“ Bezug genommen wurde, dieser gleich mit abgedruckt wurde.

Insgesamt ist dieses Buch einfach sehr lehrreich und gleichzeitig unglaublich nostalgisch. Für diejenigen, die  beim Zusammenstellen von Musik für andere bei der Kassette stehen geblieben sind, wie ich es bin, steht noch eine sehr interessante Antwort auf die Frage, ob gebrannte CDs den gleichen Stellenwert haben wie Mixtapes auf Seite 180. Die Antwort gibt Frank Eichstädt: „Überhaupt nicht, das ist ein echtes Problem. Ich bitte meine Freunde immer, nicht zu skippen und sich wirklich Zeit zu nehmen, die CDs ganz durchzuhören. Einige befolgen diesen Rat. Die Skip-Taste zerstört die Dramaturgie“

Und so bleibt am Ende trotz allen Wehmutes darüber, dass die Kassette tatsächlich der Vergangenheit angehört, auch ein kleiner Trost: Es gibt Menschen, die denken und fühlen genau so. Die haben Kassetten mit gutem Grund geliebt.

Und mit und durch diese Menschen konnte dieses kleine Kunstwerk geschaffen werden. Für Kinder der 70er und 80er, die mit Kassetten aufgewachsen sind und sich ab und an den Kassettenspieler zurück wünschen oder einfach bestimmte Erinnerungen an Musiktapes mit sich herumtragen, ein ganz besonderes Schmuckstück.

Bewertung: 5 von 5 Punkten

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