Montag, 24. Januar 2011

Rezension: Das große Tier

Dieses Buch habe ich über vorablesen gewonnen (merkt man, dass ich im letzten Jahr fast keine selbstgekauften Bücher rezensiert habe?).

Informationen zum Buch:
Titel: Das große Tier
Autor: Veit Etzold
Seiten: 483 Seiten (Taschenbuch)
Verlag: Kiepenheuer & Witsch (Februar 2010)
ISBN 10: 3462042149
ISBN 13: 978-3462042146


Rezension:

Inhalt:
Ein Geschäftsführer stirbt in der Silvesternacht auf mysteriöse Weise. Headhunter greifen zu sehr unkonventionellen Methoden, um Topleute zu rekrutieren. Eine Polizeibeamtin und ein Doktorand in Kunstgeschichte geraten mitten in das Chaos aus Geld, Macht und Mord.
Unbekannte greifen nach mehr als nur nach Gewinn und Mörder werden zu Künstlern.
In diesem Dickicht aus Hedgefonds und Aktienverkäufen, aus Mord und Intrigen, aus Gefahr und Verschwörung, müssen die Ermittler zu ungewöhnlichen Maßnahmen greifen, um nicht am Ende Opfer ihrer eigenen Neugier zu werden in diesem uralten, grausamen und mächtigen Kampf zwischen Gut und Böse.

Meinung:
Etzold legt mit „das grosse Tier“ ein Buch vor, dessen Tempo man sich nur schwer entziehen kann. Bereits auf den ersten Seiten nimmt die Handlung an Fahrt auf und das bleibt das ganze Buch über so. Es werden finanzwirtschaftliche Inhalte mit alten Mythologien auf eine Art und Weise verwoben, die gleichzeitig alt, neu, abgehoben und glaubhaft ist.

Etzold erklärt Begriffe und Handlungen aus der Finanzwelt so, dass jeder Laie sie versteht und nachvollziehen kann und sich am Ende sogar dem Gefühl hingeben kann, ein Bisschen was gelernt zu haben.
Auf der anderen Seite wird man in Verschwörungstheorien und Mythologien eingeführt, die man teilweise in dieser Form noch nie gelesen hat. Auch hier gibt der Autor sich alle Mühe, diese glaubhaft an den Mann zu bringen, es gelingt ihm allerdings nicht ganz so gut.

Einige der angeführten Theorien waren so eindringlich beschrieben, dass dies beim Lesen eine Gänsehaut verursachte, gerade der Gedankengang über den Baum der Erkenntnis sei hier anzuführen.

Die Kapitel sind angenehm kurz, in jedem Kapitel spielt eine andere Personengruppe die Hauptrolle, so dass die vielen Handlungsstränge gut gegeneinander abgegrenzt werden.

Positiv ist zu erwähnen, dass die Figuren, trotzdem keine von ihnen mit seitenlangen Beschreibungen eingeführt wird, sondern sie sich größtenteils durch ihre Handlungen erklären, immer echt und authentisch wirken und ihr Verhalten nachvollziehbar ist, nicht aufgesetzt oder unlogisch.

Die ganze Geschichte ist sehr durchdacht, führt gradlinig mit allen Handlungssträngen auf das Ende hin, so dass es Spaß macht, das Buch zu lesen, wenn auch der Schluss dann reichlich kurz gefasst ist, hier hätte man durchaus noch einige Seiten zufügen können.

Insgesamt ein Buch, das man kaum aus der Hand legen mag und das durch sein Tempo, seine sympathischen und nachvollziehbaren Figuren und die grandiose, lückenlose Handlung den Leser in seinen Bann schlägt.
Die Grundidee allein verdient ebenso Lob wie der Mut, einen so vor finanzwirtschftlichem Wissen strotzenden Roman zu schreiben, dabei aber so lebensnah zu bleiben, dass jeder ihn verstehen kann.

Kritik:
Obwohl ich das Buch gerne über den grünen Klee loben würde, gibt es einige Punkte zu beanstanden, wobei das Meiste eher Kleinigkeiten betrifft, sich dann allerdings summiert.
So fällt es auf, wenn auf einer Seite zwei Variationen des gleichen Wortes (Okay/O.k.) verwendet werden. Und es ist störend, wenn während des Verlaufs des Buches immer und immer wieder auf einen in der Vergangenheit liegenden Fall Bezug genommen wird. Ja, dieser Fall hat großen Anteil an der Charakterformung einer Figur. Aber es reicht, wenn der Inhalt ein oder zwei Mal beschrieben wird, es muss nicht alle 30 Seiten wieder Bezug hierauf genommen werden.

Ebenso wird der Killer Wolf als nahezu unbesiegbar beschrieben – er hätte sogar denjenigen, der ihm einst die Kehle aufschnitt, besiegt. Und dann wird er von einer einfachen Kommissarin mit ihren Kenntnissen aus der Polizeiausbildung außer Gefecht gesetzt?! 

Des Weiteren stellt sich mir die Frage, wann genau und warum die Figur von Prof. Strokes eine derartige Wandlung durchlief. Zu Beginn wird er als Inbegriff des englischen Edlen vorgestellt, incl. Butler und Bestellpizza als absolutem Novum.
Und wenig später spricht er davon, dass das Verpassen eines Termines Selbstmord wäre – in einem Tonfall, der recht locker und gelöst ist, so gar nicht zu der Figur passt, wie sie vorher gezeichnet wurde.

Dann ist die Zeitangabe in Kapitel 3/21 verwirrend, befinden wir uns hier doch offiziell 5 Tage später, am 10. Januar, obwohl die Handlung am 05. Januar stattfindet. Dieser Fehler kann vielleicht in späteren Ausgaben korrigiert werden.

Es bleibt noch die Frage, ob es wirklich nötig war, mit der Geschichte über Lady Di eine weitere Verschwörungstheorie aufzugreifen, wo das Buch doch mit der eigentlichen Handlung schon so viele verschiedene Stränge und Theorien anführt.

Überhaupt ist der große Pluspunkt dieses Buches, sein Tempo und Ideenreichtum, gleichzeitig auch eine Schwachstelle. Die Handlung verläuft so rasant, es werden so viel Figuren vorgestellt und so viele Handlungsstränge miteinander verwoben, dass es stellenweise schwer fällt, zu folgen. Auch werden die Theorien, auf deren Spuren sich Sarah und Vincent mit Prof. Strokes begeben, in einer Form erzählt, die den Leser mit dem Gefühl zurücklässt, sie nicht vollständig verstanden zu haben, sie  keinesfalls verständlich erklären zu können, was etwas schade ist.

Der größte Kritikpunkt aber ist Kapitel 3/31.
Was bitte hat eine solche Anwandlung von Emotionalität in diesem Thriller zu suchen? Ja, das Zwischenmenschliche spielt im Buch eine große Rolle. Aber muss es hier nochmal in aller Deutlichkeit ausgewalzt werden? Der ganze Stil dieses Kapitels passt überhaupt nicht in das Buch, man hat fast das Gefühl, als wäre der Autor gezwungen worden, noch etwas Herzschmerz einzufügen.
Dieses Kapitel hinterlässt einen schalen Nachgeschmack und hat das Buch in der Gesamtbewertung mindestens einen Stern gekostet.

Fazit:
Ein Buch mit Potential zum Prädikat „großartig“, allerdings mit (verschmerzbaren) Schwächen. Lest es, macht euch selber ein Bild, aber bitte, bitte, bitte überblättert Kapitel 3/31.

Bewertung: 3 von 5 Punkten

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